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Jakob Engel
Im Gespräch:

"Wunder des ..., 2015"

Das Gespräch fand am 23.03.2017 in der Hamburger Kunsthalle statt.

Aleen Solari
Im Gespräch:

"Robyn, 2017"

Das Gespräch fand am 23.03.2017 in der Hamburger Kunsthalle statt.

Jakob Engel und Aleen Solari
Im Gespräch mit ...

Donnerstag. 23.03. 18 Uhr

Jakob Engel und Aleen Solari (Künstler_in, Hamburg), moderiert von Dr. Mechthild Achelwilm. Im Eintritt enthalten. Treffpunkt: Foyer

Jochen Kuhn - Filme im Metropolis
Kurzfilmprogramm I & II / Fisimatenten

Jochen Kuhn - SONNTAG NULL, Diesen Sonntag bleibt der Protagonist lieber im Bett. (2013), 9'46'', Digital Video (DCP/HDCam/DVD), s/w, Format 16:9

Jochen Kuhn - SONNTAG NULL, Diesen Sonntag bleibt der Protagonist lieber im Bett. (2013), 9'46'', Digital Video (DCP/HDCam/DVD), s/w, Format 16:9

Jochen Kuhn - SONNTAG NULL, Diesen Sonntag bleibt der Protagonist lieber im Bett. (2013), 9'46'', Digital Video (DCP/HDCam/DVD), s/w, Format 16:9

Dienstag. 21.03. 19 - 23 Uhr & Mittwoch. 22.03. 19 - 21 Uhr.

Veranstaltungsort: Metropolis Kino, Kleine Theaterstraße 10, Eintritt: 7,50€ / erm. 5€ für Freunde der Kinemathek und Freunde der Kunsthalle

Filmprogramm von und mit Jochen Kuhn. In der Reihe kinelab hamburg verschafft das METROPOLIS unkonventionell erzählten, experimentierfreudigen Filmen einen Platz auf der Leinwand und bietet Raum für Gespräche über Film und seine Produktionsbedingungen. Begleitend zur Ausstellung »Warten. Zwischen Macht und Möglichkeit« in der Hamburger Kunsthalle vom 17.2. bis 18.6.2017 zeigen wir im März Filme des Künstlers und Filmemachers Jochen Kuhn. Während seines Kunststudiums in Hamburg realisierte er Projekte im Bereich Film, Malerei, Drehbuch, Filmmusik und Fotografie. Seit 1991 ist er Professor an der Filmakademie Baden-Württemberg und Leiter des Fachbereichs Filmgestaltung.

Luise Schroeder
27. Januar 2008

2-Kanalprojektion, HD-Video, 7:31 min., 2008

© & Courtesy: Luise Schroeder

Nutzer ja, verhalten nein: Im Rausch der Empörung
Lasse Nehren

Warten lässt sich auf vieles. Auf Inspiration etwa. Nun verhält es sich mit Inspiration aber nicht grundlegend anders als mit Liebe oder Fremdstolz: Man muss ihre Existenz keineswegs dem Zweifel anvertrauen, um ihre Adelung zum Konzept für fragwürdig zu halten. Wer von Inspiration ergriffen wird, eilt sich gern zu betonen, wie essenziell, ja unabkömmlich die vorangegangene Episode des kontemplativen Harrens gewesen sei. Und hofft inständig, nicht für das evasive Verquastungsmanöver haftbar gemacht zu werden, das die Verwendung dieser vom Ufer des Esoterischen abgeschöpften Vokabel darstellt: Zunächst einmal ist der Verweis auf die Abwesenheit von Inspiration als Ausflucht fürs Nichtstun nämlich nichts weiter als eben dies: Nichtstun.

Ich warte auf Inspiration, sagt der Autor. Du tust gar nichts, antwortet die Lektorin. Ich warte auf den Bus, sagt Frau Schirrmacher. Ja, das tun Sie, bestätigen die Mitwartenden unisono, ehe sie ein kollektives Kopfschütteln orchestrieren: Auf nichts ist mehr Verlass; schon gar nicht auf die städtischen Verkehrsbetriebe.

Nicht nur auf vieles lässt sich warten – auch auf viele Weisen. Grundsätzlich gilt: Je trivialer der Kontext, in dem gewartet wird, desto ausgeprägter die Hysterie. Internetanbietern und Paketdiensten schlägt regelmäßig der Scheuklappenzorn solcher Menschen entgegen, denen man schmeicheln würde, nennte man sie wohlstandsverwahrlost. Manch einer wird es für gestrig befinden, dem Komiker Louis C.K. zuzustimmen, wenn er fluchenden Smartphonenutzern entgegnet, dass noch das schlechteste Mobiltelefon der Welt ein Wunderwerk sei. Diesen Menschen sei entgegnet: Zuweilen ist das Bewusstsein für ein Gestern durchaus befriedend. Wer jeder dem zwangsläufig nur mehr kleiner werdenden Spielraum abgetrotzten Errungenschaft nur so lange Wertschätzung entgegenbringt, wie sie absolut störungsfrei funktioniert, outet sich nämlich nicht nur als undankbar – sondern bebürdet sich obendrein mit einer Wut, die in ihrer evolutionsrelationistischen Überheblichkeit so unangebracht wie unnötig ist. Doch wie überall gilt: Woran Mensch sich gewöhnt, das erwartet Mensch. Und kein Bit pro Sekunde weniger. Der moderne Mensch ist ein ungeduldiger Mensch: gehetzt, drängelnd, kundendienstscheltend. Zeit ist kostbar, das weiß der moderne Mensch, ergo ist sie zu nutzen, nicht zu verschwenden. Jede Sekunde des Wartens ist eine Sekunde, die die gefräßige Vergangenheit aus unserer Zukunft beißt. Ungenutztes Potenzial. Verschwendung. So weit, so pathetisch. Und doch handelt es sich bei den in Tweets und Raucherpausen untergebrachten Lamenti der notorischen Alltagsopfer nicht etwa um Carpe-diem’sche Mahnungen. Zwar sind Ohnmacht und Subordination zentrale Faktoren, wenn es um des (modernen) Menschen Unfähigkeit geht, Wartezeiten zu akzeptieren, dabei nimmt die Zeit aber nur vermeintlich die Rolle des Gegenspielers ein.

Zunächst allerdings zum Wesen der Ungeduld. Des Menschen Neigung zu ihr ist als Erkenntnis etwa so neu und erquicklich wie die, dass unterschiedliche Menschen unterschiedlich viel und laut klagen. Sehr wohl aber ist es hilfreich, sich dazu eines in aller Deutlichkeit ins Bewusstsein zu rufen: Die Qualität von Ungeduld ist maßgeblich von den Möglichkeiten ihrer Ausgestaltung abhängig. Wer die Zeit und die Geistesgegenwart besitzt, sämtliche digitalen und/oder sozialen Kanäle mit seinen Elegien zu bespielen, dessen Ungeduld geht in die Breite, nicht in die Tiefe. Sie behauptet, intensiv zu sein – ist aber lediglich extensiv. Jemand, der für ein Attest zwei Stunden im Warteraum einer Arztpraxis zubringt, wird mehr Zeit darauf verwenden, sich die Misslichkeit seiner Lage vor Augen zu führen als die Alleinerziehende mit Vollzeitjob, deren Antrag auf Zuwendung den Schwebezustand seit Wochen nicht verlassen hat. Im Gegensatz zum Leid, so das unbewusste Mantra der ewigen Nörgler, ist Lautstärke messbar.

Warten zu können ist Luxus. Luxus gebiert gelogene Bedürftigkeit.

Eigentlich interessant ist allerdings nicht das Verhältnis vom Ungemach zu dessen Bejammern, sondern die Frage, was die Grade gefühlter Dringlichkeit über des Menschen Kompensationsapparat aussagen. Denn, und hiermit sei der Gedanke von oben fortgeführt: Wer des einspruchslosen Wartens nicht fähig ist, offenbart zuvorderst eines: das fehlgeleitete Emanzipationsbestreben eines Menschen, der sich entmachtet wähnt. Der wartende Mensch wartet, weil ihn jemand warten macht. Wenn nicht absichtlich, so doch mindestens aus Unhöflichkeit, Fahrlässigkeit, Unverantwortlichkeit. Wer warten muss, wird in die Abhängigkeit gedrängt – und wer kann schon akzeptieren, am Fuße eines Hierarchiegefälles der Ankunft eines Zuges oder Päckchens zu harren? Nicht der mündige Wutbürger. So wird denn der wutentbrannte Anruf bei der Servicehotline zum Akt der Auflehnung und Selbstermächtigung. Was derjenige, der einem das Warten aufzwingt, eben dadurch an Macht gewinnt, wird ihm durch den verlautbarten Protest wieder aberkannt. Dies ändert an der Position des Wartenden selbstverständlich nichts – wohl aber an dessen Selbstwahrnehmung. Der Impuls, der dahinter steht, ist letztlich kein grundsätzlich anderer als jener, der Menschen dazu veranlasst, zänkische Protestkommentare ohne jedweden konstruktiven Anteil unter Onlineartikeln zu hinterlassen: Es geht um das Durchbrechen einer Machtstruktur. Mensch will sich nicht ohnmächtig fühlen, weder durch das Festsitzen am Umsteigebahnhof noch durch den Eindruck, Meinungen Andersdenkender unwidersprochen hinnehmen zu müssen. Still zu schweigen wäre, als stimmte man denen, die einen entmachten, noch zu: Ich habe nichts zu erwarten, nichts zu sagen. Ich habe die Umstände zu akzeptieren. Doch wenn der Bürger zum Verbraucher wird, hat die Akzeptanz ein Ende.

Eine Klarstellung sei der Vollständigkeit halber gemacht: Es geht in diesem Text nicht um Menschen, die ohne eigenes Zutun in eine Situation geraten sind, die sie zum Warten verdammt. Es geht nicht um Menschen, die an Grenzzäunen darben, nicht um Herzkranke, die den Tod eines Spenders auf schreckliche Weise herbeisehnen. Es geht nicht um Menschen, die nicht einmal mit Sicherheit sagen können, was sich auf der anderen Seite ihres Wartens befindet. Es geht um Menschen, deren Warteepisoden eines eint: Ihr Ausgang ist gewiss.* Und zwar aus einem Grund: Sie haben für diesen Ausgang bezahlt. Sie haben ein Ticket gekauft, eine Serviceleistung gebucht, Waren bestellt. Am Ende steht der Abschluss einer Transaktion, die sie eigens in die Wege geleitet haben. Diese Menschen haben sich selbst in eine Position gebracht, deren zwar nicht erwünschte, aber schlechterdings erwartbare Konsequenz Wartezeiten sind, die die den Optimalfall beschreibenden übersteigen. Sie haben sich selbst als Kunden definiert, nein: als Vertragspartner. Und als solche wollen sie geschätzt, nicht übervorteilt werden. Ihr Trotz gegen das Gefühl der Entmachtung wird dabei so raumgreifend, dass er sich ihrer rauschgleich bemächtig, und wie es Rauschzuständen nun einmal eigen ist, geht ein Sog von ihnen aus, der nur allzu geschwind süchtig macht. Dies führt dazu, dass sich peu à peu eine zusätzliche Art des Wartens in die Wartezeiten der Empörungsbereiten mengt: ein Warten im Warten. Ein Warten darauf, dass Dinge schieflaufen. Ein Warten auf Verzögerungen im Ablauf, die Anlass bieten, sich endlich wieder als standhafter Konsument zu beweisen, der sich nicht übertölpeln lässt.

Wir kommen, um uns zu beschweren, sang die Gruppe Tocotronic im Jahr 1996 und lieferte damit wohl nicht ganz freiwillig den Soundtrack einer zwei Jahrzehnte später auf ihrem larmoyanten Höhepunkt angelangten Beschwerdekultur. Mit dem verzweifelten Deutungseifer verkannter Epistemologen werden die Anzeichen der Entmachtung heute in alles hineingelesen, was nicht bei drei wahlweise auf den Bäumen oder fertig ist. Die Strenge, mit der noch die nichtigste Verzögerung als Blasphemie gegenüber der Allheiligkeit des Verbraucherrechts geahndet wird, hat regelrecht calvinistische Qualität – und könnte in ihrer Lächerlichkeit komisch sein. Könnte. Wenn sie nicht ein Klima allgemeiner Missgunst bedingte, in dem es nur noch Schädlinge und Geschädigte zu geben scheint, nicht Menschen und menschgemachte Systeme, deren Fehlerhaftigkeit eigentlich keiner Erklärung bedürfen sollte.

Rund 3,6 Mio. Sendungen bearbeitet DHL an einem Werktag. Es gibt Hochleistungs-DSL mitten im Wald. 5,5 Millionen Menschen nutzen täglich den Fern-, 30 Millionen den Nahverkehr. Es bedarf schon gestandener Egozentriker, um ein Stottern der Hochleistungskundenbefriedigungsmaschine als persönliche Schikane zu interpretieren. Nun ist es allerdings so, dass niemand leichter dem Egozentrismus anheimfällt als die profund Verunsicherten. Und derer scheint es dieser Tage so viele zu geben wie lange nicht. Umso wichtiger wäre es, keine Feindbilder aus Trivialitäten zu generieren. Streitbar sein: ja. Aber da, wo es Sinn ergibt.

(Natürlich ist hier keine absolute Gewissheit gemeint. Aber, gerade im Verhältnis, relative. Haben Sie sich mal nicht so.)

Jens Ullrich
Im Gespräch:

"Refugees In A State Apartment, 2015"

Das Gespräch fand am 02.03.2017 in der Hamburger Kunsthalle statt.

Prof. (i. R.) Dr. Monika Wagner
Vortrag:

Prof. (i. R.) Dr. Monika Wagners Vortrag: "Warteräume. Zur Gestaltung transitorischer Räume.", vom 26.02.2017.

Jens Ullrich
Im Gespräch mit ...

Donnerstag. 02.03. 18 Uhr

Jens Ullrich (Künstler, Berlin), moderiert von Dr. Brigitte Kölle (Kuratorin der Ausstellung). Im Eintritt enthalten. Treffpunkt: Foyer

Philip Scheffner / Merle Kröger
Im Gespräch: Havarie, 2016

Das Gespräch fand am 19.02.2017 im Abaton-Kino zwischen Philip Scheffner / Merle Kröger und Benedikt Wert anlässlich der Sondervorstellung von "Havarie, 2016" statt.

Prof. (i. R.) Dr. Monika Wagner
Vortrag: Warteräume. Zur Gestaltung transitorischer Räume.

Sonntag, 26.02. 16 Uhr

Die Kunsthistorikerin Monika Wagner interessiert sich für Orte des Wartens wie Hotelfoyers, Flughäfen oder Bahnhofshallen. Zwischen An- und Abreise, dem Hier und dem Dort werden diese zu transitorischen Räumen. Sie bieten nicht mehr nur einen Rahmen zum Innehalten oder für Langeweile, sondern werden zunehmend auch als temporäre Arbeitsorte in der digital vernetzten Welt genutzt. Darüber, wodurch sich die Gestaltung dieser sozialen Räume auszeichnet und welchen Ansprüchen diese Nicht-Orte genügen müssen, wird Monika Wagner sprechen. Der Vortrag findet im Rahmen der Ausstellung WARTEN. Zwischen Macht und Möglichkeit statt.

Ort: Werner-Otto-Saal, Hamburger Kunsthalle

Teilnahme: 8 € / 4 € erm. inkl. Eintritt

Vajiko Chachkhiani
Performing:

"Father, 2017"

Vajiko Chachkhianis Performance anlässlich der Eröffnung der Ausstellung

Aleen Solari
Performing:

"Robyn, 2017"

Aleen Solaris Performance anlässlich der Eröffnung der Ausstellung.

Philip Scheffner / Merle Kröger
On Screen: Havarie, 2016

Sonntag 19.02. 11 Uhr. Anschließend Gespräch mit Philip Scheffner (Filmemacher). Im Abaton-Kino, Allendeplatz/Grindelhof, Hamburg.

Jens Ullrich
Working on:

"Refugees In A State Apartment, 2015"

Rayyane Tabet
Working on:

„Waiting for a manifestation: Hamburg, January 24 to 26, 2017“

Warten
Zur Erkundung einer aussterbenden Kulturtechnik
Johannes Vincent Knecht

Warten als Zwang In vieler Hinsicht sind Wartezeit und Warteräume Instrumente gesellschaftlicher Herrschaftsausübung: Wer andere warten lässt, hat Macht über sie. Der Herr verfügt über die Lebenszeit des Dieners (der ihm auf-wartet); der absolutistische Monarch zeigt dem Untertan das Maß seiner Gunst durch die aufoktroyierte Verweildauer im Antichambre; die Kirche verwaltet und verkauft das existenzielle Warten auf Auferstehung und ewige Seligkeit; der Rechtsstaat kujoniert und ordnet die zu ihm geflüchteten Menschen, indem er sie in kafkaesker Renitenz wochenlang vor seinen Verwaltungsstellen auf der Straße stehen lässt. Es geht um Unterwerfung, Disziplinierung und psychologische Zurichtung: Der Wartende ist erst hoffnungsvoll, dann unruhig, schließlich zornig, bis er endlich weichgekocht ist und dankbar und demütig jede ihm gnadenvoll eröffnete Botschaft empfängt.

Ein kurzer Blick auf heutige Verhältnisse genügt, um die Langlebigkeit und fortdauernde Akzeptanz vermeintlich vormoderner Wartesituationen zu erfassen, in denen sich der neofeudale Charakter des Zeitgeistes einmal mehr im Alltäglichen manifestiert: Weiterhin müssen die Subalternen und Abhängigen das ihnen zugemutete Warten von Autoritätsstrukturen und sozial Übergeordneten erdulden, worin sich immer auch Geringschätzung und ökonomische Minderwertigkeit ihrer Lebenszeit gegenüber den Wartenlassenden ausdrückt. Noch immer sehen wir uns von Konvention und Sachzwang genötigt, bei Ärzten, Behörden oder an Pfandautomaten ungewollt unsere Zeit zu verschwenden. Stets ist das Warten ein Zustand der Passivität, der verfügten Fremdherrschaft und Freiheitsbeschränkung.

Die Gestaltung von Wartebereichen ist seit den einschüchternd prachtvollen Vorzimmern der Renaissancepäpste oder Ludwigs XIV. Artikulation und zuverlässiges Sinnbild sowohl des Selbstverständnisses der Autorität als auch ihres Dominanzverhältnisses zum Wartenden: Man denke an lieblos dekorierte Krankenhausflure oder die tristen Metallsitzschalen auf deutschen Ämtern, in denen man womöglich die Mitteilung einer schicksalhaften Diagnose oder gravierende Entscheidungen erwartet. Im Kontrast zeigt der niedergelassene Mediziner Kunstsinn und Solvenz, wenn er seine Privatpatienten in schicken Wartezimmern mit Espressomaschine und Hochglanzjournalen Platz nehmen lässt. Auch an Flughäfen und Bahnhöfen gibt es längst wieder das Mehrklassenwarten: bequeme Lounges für die Privilegierten, kalte Bahnsteige für die Plebejer. Nicht nur Ziel und Dauer, auch Architektur, Beleuchtung, Raumtemperatur, Geräuschkulisse, die Art der Versorgung und Sitzmöbel sowie das Angebot zum Zeitvertreib können in die kritische Analyse einer Wartesituation einbezogen werden.

Warten in diesem Sinne ist Herrschaftsmittel und Ausdruck politisch absichtsvoller Ungleichheit. Wie, wo und wie lange man wartet, hängt von Status und Vermögen ab. Wer hingegen seinem Mitmenschen respektvoll und auf Augenhöhe begegnen will, der zeigt dies eben dadurch, dass er ihn nicht warten lässt. Pünktlichkeit ist daher entgegen dem Sprichwort gerade nicht die »Tugend der Könige«, sondern erscheint – mit einem nur scheinbar barschen Wort Thomas Bernhards – als Indiz egalitärer Philanthropie: »Wer nicht pünktlich ist, ist nicht mein Freund.«

Auch im Bereich zwischengeschlechtlicher Verhaltensweisen entfaltet das Thema diagnostische Kraft und entlarvt die Unausrottbarkeit kulturell gewachsener Unterwerfungsbeziehungen. Vor allem die Frau hat in älterer Zeit nach literarischem Vorbild hoffend zu warten gelernt, entweder wie die tugendsame Jungfrau im biblischen Gleichnis auf den richtigen Mann fürs Leben oder in kindlicher Märchengläubigkeit auf den schönen (und reichen) Prinzen. Im Stand der Ehe dann wartet sie als bürgerliche Wiedergängerin der homerischen Penelope häuslich-treusorgend auf den Gatten, der sich heldenhaft und polygam in der Welt – gern auch im Krieg – herumtreibt. (Es ist vielfach beschrieben worden, wie diese fatalen und machtvollen Rollenklischees in den Ikonografien heutiger (Kinder-)Medien und Spielzeuge immer neue Renaissancen erleben.) Erst die Protagonistinnen der großen Ehebruchsromane im 19. Jahrhunderts (Karenina, Bovary, Briest) durchbrechen die falsche Romantik des Ausharrens und bezahlen es mit dem Leben: Sie ertragen die Unterdrückung ihrer Bedürfnisse nicht mehr und stornieren die Hoffnung, der pragmatische Langweiler an ihrer Seite könnte sich doch noch in einen Märchenprinzen verwandeln.

Warten als Freiraum Als vermeintlich moderne Menschen sind wir der Passivität des Wartens nicht machtlos ausgeliefert. Wir können der aufgezwungenen Zeitvergeudung mit Aktivität und Aneignung begegnen und so die Fremdbestimmung in Augenblicke kathartischer Selbstbestimmung verwandeln. Wartezeit, so zu eigen gemacht, ermöglicht Begegnung mit sich selbst, eine Unterbrechung des eilig und effizient geführten Tagesablaufs, einen Ausstieg aus permanent zweckorientierter Tätigkeit. Man steht in Ruhe an einer Haltestelle, blickt in den Regen, genießt die Langeweile, beobachtet Mitmenschen, lässt Gefühle und Gedanken aufsteigen, die sonst hinderlich sind. Man kann sich wahrnehmen, entspannen, besinnen, versenken, befragen.

Diese Gestaltungsoffenheit schafft Raum für assoziative und intuitive Vorgänge, die im regulären Selbstgespräch kausaler Vernünftigkeit unterdrückt sind. Im höheren Sinne kann Warten daher nach eigenem Willen ein Refugium individueller Autonomie sein, mit Affinität zu Überraschungen und schöpferischen Impulsen.

Dabei liegen – das ist diesem Thema grundsätzlich zu eigen – das Banale und das tief Bedeutsame nah beieinander. Das gilt zunächst für biografisch ernste und folgenreiche Zusammenhänge mit unbekannter Dauer: Warten auf materiellen Reichtum, auf Kinder, auf Glück, auf den Tod. Aber auch in der Zufälligkeit des alltäglichen Wartens können wesentliche Fragen, verdrängte Probleme und Ängste aufsteigen. Nervosität und Ängste, die in der Betriebsblindheit normierter Abläufe unterdrückt bleiben, steigen ins Bewusstsein: Wer wartet, soll sich aushalten können.

Die Vertreibung des Wartens Es liegt auf der Hand, dass selbstbestimmtes Warten in diesem Sinne einen erheblichen Affront gegen das Gebot immerwährender Nützlichkeit und produktiver Selbstverwertung darstellt. Zwar lassen Staat und Kapital ihre Untertanen seit jeher gern warten, da sie keinen Respekt vor menschlicher Lebenszeit an sich haben. Immer klarer zeigt sich jedoch die gegenläufige Tendenz, Warten als (neben dem Schlafen) letzten unverdinglichten und zudem potenziell subversiven Zeitraum zu erkennen und auszumerzen. So beobachten wir zahlreiche Umformungen des Wartens, die sich zum Symptom neuer Herrschaftsmechanismen verdichten. Einige Beispiele:

Lange schon dudeln in telefonischen Warteschleifen keine Vivaldifragmente mehr. Stattdessen vernimmt der Anrufer Werbebotschaften und Hinweise zur prognostizierten Dauer seines Hingehaltenseins; oder er soll im Sinne eines »Outsourcings to the customer« durch vorherige Tasteneingaben sein Anliegen selbst rubrizieren und so an dessen effizienter Bearbeitung mitwirken. Die Wartezeit wird geldwert genutzt, die Kosten des angerufenen Unternehmens sinken.

Augenfällig verändert hat sich das Warten in den Transitbereichen des Verkehrs, wobei die Bahnhöfe der Großstädte den Flughäfen gefolgt sind. Früher gab es dort einen Zeitungs-, einen Tabakwaren- und einen Blumenladen, heute sind die Bahnhöfe zu Einkaufszentren mit Gleisanschluss verkommen, deren architektonische Disposition vorrangig dem Ziel des zwangsläufigen Kontaktes von Reisendem und Einzelhandel sowie der großflächigen Anbringung von Reklame gewidmet ist. Wartezeit wird zu Werbe- und Einkaufszeit. Der hergebrachte Wartesaal in seiner Funktion als bloßer Schutzraum ist abgeschafft, Wartebereiche oder auch nur Sitzgelegenheiten ohne Nötigung zum Konsum muss man lange suchen. Nur die elitarisierten Bahn-Comfort-Kunden und Passagiere der ersten Klasse dürfen im Warmen auf den Zug warten und bekommen den Kaffee und das wohlige Gefühl der Distinktion geschenkt.

Überall – in Schnellrestaurants, Behörden, Haltestellen, Flugzeugen – wird reine Wartezeit suspendiert oder durch Zeichen, Regeln und räumliche Gliederungen zielgerichtet strukturiert. Zu solchen Maßnahmen gehört die Sortierung der Wartenden durch Nummernausgabe und Anzeigetafeln oder das Ordnen der Schlange durch Absperrbänder im Sinne des »Queue Management«. Auch wird der Wartende nun ständig über Grund und Dauer seiner zu opfernden Zeit informiert (bei der Bahn gern in großer Dehnbarkeit und mithilfe der dadaistischen Nonsensfloskel »Verzögerung im Betriebsablauf«). Es wäre ein Missverständnis, solche Lenkungstechniken als Zeichen von Service oder gar Freundlichkeit aufzufassen. Vielmehr verschleiern sie den hierarchischen Charakter der Situation und sichern der Autorität die Deutungshoheit. Im Sinne Foucaults muss der Wartende durch Regelung, Überwachung und Sanktionierung diszipliniert werden, um besser kontrolliert und verwertbar zu sein. Und auch im größeren Maßstab treibt der rezente Kapitalismus seiner Bevölkerung das Warten aus. Triftiges Beispiel sind die inflationären Partnervermittlungs- und Kontaktportale, die das sehnende Hoffen und Warten, die Macht der zufälligen Begegnung und die Freuden des Flirts quasi im Alleingang erledigt haben. Stattdessen lässt man sich seine Lebensmenschen oder Sexualpartner nun gegen Bezahlung oder Datenpreisgabe als Produkt eines hermetischen Algorithmus zuschanzen.

So erscheint die Abschaffung oder Ausbeutung vormals wirtschaftlich brachliegender Wartezeiten als markantes Phänomen des zeitgemäßen Konsumismus: Der Homo oeconomicus im finalen Stadium seiner Dressur soll nicht warten, denn Warten ist unkommerzialisierte Lebenszeit. Die Ausweitung spätkapitalistischer Hegemonie auf sämtliche Lebensbereiche erfordert daher auch die Urbarmachung potenziell freiheitlicher Wartezeit. Dabei spielen neben der praktischen Ausweitung möglichst ununterbrochener Wertschöpfung psychologische Gründe die Hauptrolle, denn Wartezeit im Sinne autonomer Selbstbegegnung widerspricht offensichtlich der aggressiv-dominanten Forderung an die Conditio humana im fortschreitenden Posthumanismus: Der in sich ruhende, sich selbst ertragende und sich selbst genügende Mensch ist nicht nur wirtschaftlich unnütz, sondern gefährlich.

Stöckchen, Knochen und Leine Wichtigster Vernichter freier Wartezeit ist das mit gutem Grund sogenannte Smartphone, das sich auch in dieser Hinsicht als wesentlicher Agent und Katalysator spätkapitalistischer Menschenformung erweist. Es verwirklicht den feuchten Traum des Zeitgeistes, indem es den Benutzer verführt, seine Existenz freiwillig und lückenlos der Überwachung und Ausbeutung durch den ökonomisch-politischen Komplex zu unterwerfen. Jeder sich im Alltag eröffnende Zeitraum kann durch die Angebote der körpernahen Kleinelektronik mit kurzweiliger Beschäftigung verfüllt werden. Sofort wird aus dem Wartenden ein profitabler Konsument, der ebenso billig wie zuverlässig der Verlegenheit kontemplativer Selbstbegegnung entkommt. Das Smartphone ist also Mittel der Ekstase im wörtlichen Sinne: Der Benutzer wird seiner raumzeitlichen Gegenwart entführt und gerät gleichsam außer sich. Er vermeidet das Risiko innerer Einkehr, indem er die bedrohliche Leere des Wartens durch den reflexhaft gewordenen Blick zum Taschenbildschirm im Entstehen abwehrt. Entgegen dem demagogischen Wort vom »sozialen Medium« führt dieser pathologische Gewohnheitseskapismus nicht zu gedeihlichem menschlichen Austausch, sondern – diverse soziologische und psychologische Studien erweisen es – zu Narzissmus, Selbsttäuschung und Vereinzelung, vor allem aber zu Nervosität und Neid auf die simulierten Alphamerkmale sogenannter »Freunde« und somit zu schleichender Entsolidarisierung. Erst durch die massenhafte Bereitschaft, das eigene Sozialleben der Kontrolle und Manipulation der Privatwirtschaft auszuliefern, konnte das Smartphone jene Ubiquität und vermeintliche Unverzichtbarkeit erlangen, durch die es nun, in Verschaltung mit maschinellen Erweiterungen der Körpervermessung, den Menschen in fast allen Aspekten der Lebensentfaltung schlussendlich zum Leibeigenen des Kapitals im leider ganz unmetaphorischen Sinne gemacht hat.

Dabei folgt die psychologisch raffinierte Abgewöhnung des Wartens durch das Smartphone nicht nur dem unmittelbar durchschaubaren Ziel der Durchsetzung totalitärer Überwachung und permanenter statistisch-kommerzieller Verwertung. Vielmehr stehen das Antrainieren seiner suchtartigen Verwendung und damit die Transformation und Abschaffung der Wartefähigkeit im Zusammenhang einer anthropologischen Verschiebung, die mit dem Begriff der Entfremdung nur unzureichend beschrieben ist: Der Mensch, der das Warten im Sinne des Sich-Aushaltens verlernt hat, ist den Reizen, Betäubungen und emotionalen Versprechungen des Kapitals schutzlos ausgeliefert und lässt sich im Zustand latenter Unruhe und Angst gefügig an die immer kürzer werdende Leine der Verdinglichung legen. Wer sich außerhalb von Konsum- und Ablenkungszusammenhängen nicht mehr erträgt, ist leicht zu beherrschen. – Anders gesagt: Wartenkönnen ist eine Form des Protestes, eine im Sinne der Menschlichkeit bewahrenswerte Fähigkeit, ein Modus der Freiheit und Insubordination.

(Dieser Artikel erschien zuerst in leicht veränderter Form unter dem Titel »Verzögerung im Betriebsablauf – Zur Erkundung einer aussterbenden Kulturtechnik: des Wartens« in der Zeitschrift »konkret« 04/2016)